Beelitz Heilstätten – ein Ort viele Geschichten. Lungenheilstätte für die Tuberkolosekranken von Berlin, Lazarett in beiden Weltkriegen, Zufluchtsort für Adolf Hitler und Erich Honecker, größtes sowjetisches Hospital außerhalb der UdSSR, Ort von schaurigen Verbrechen, beliebt bei internationalen Filmcrews, Fototouristen und Hobby-Abenteurern.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert war die Tuberkolose, eine hochansteckende bakterielle Infektionskrankheit, auch in Deutschland sehr weit verbreitet und führte nicht selten bis zum Tod des Erkrankten. So war um 1880 jeder zweite Todesfall bei den 15 bis 40 Jährigen in Deutschland auf diese Krankheit zurückzuführen.

Bereits 1855 entstand das weltweit erste Tuberkulose-Sanatorium im niederschlesischen Görbersdorf. Weitere Sanatorien wurden v.a. im Umland der Großstädte errichtet, so auch ab 1898 die Beelitz Heilstätten für die Lungenkranken aus Berlin. Auf einer Gesamtfläche von ca. 200 ha erstreckt sich der 60 Gebäude umfassende Krankenhauskomplex der Beelitz Heilstätten, der gut eine Autostunde vom Berliner Stadtzentrum entfernt ist.

Ruhig und windgeschützt inmitten der ausgedehnten brandenburgischen Wälder bot das Areal in Beelitz mit seiner rauch- und staubfreien Luft ideale Voraussetzungen für die Versorgung der Großstadtpatienten. Aber auch die ideale Verkehrsanbindung bewog die Landesversicherungsanstalt Berlin dazu die „Arbeiter-Lungenheilstätten“ in Beelitz zu errichten.

Beelitz Heilstätten Lageplan

Beelitz Heilstätten war eine der modernsten Tuberkulose-Heilanstalten dieser Zeit und die Gesamtanlage galt als mustergültig für den medizinischen und sozialen Stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Anders als in sonstigen Heilanstalten wurde in Beelitz Heilstätten nicht mit Verbrennungsöfen geheizt, sondern ein modernes Heizkraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung betrieben. Das Kraftwerk mit Wasserturm steht unter Denkmalschutz und wurde bereits vom Landkreis Potsdam-Mittelmark mit EU-Geldern saniert.

Der Krankenhauskomplex Beelitz Heilstätten ist in zwei große Bereiche unterteilt gewesen. Nördlich der Eisenbahnlinie waren die Lungenheilstätten mit den hochinfektiösen Tuberkulosepatienten untergebracht. Südlich der Bahnlinie wurden die Patienten mit nicht ansteckenden Krankheiten betreut. Vor allem Verdauungs-, Stoffwechsel- und Herzkrankheiten wurden hier inmitten der märkischen Kiefernwälder behandelt.

Weiterhin war es in der damaligen Zeit üblich, strikt nach Geschlechtern zu trennen. Somit waren die Frauen-Heilstätten und –Sanatorien westlich der Landstraße, während auf der östlichen Seite die Männer-Heilstätten und –Sanatorien vorzufinden waren. Selbst bei den Wirtschaftsgebäuden wurde darauf geachtet, in welchem Bereich diese errichtet worden sind. So sind Küchengebäude und Waschhäuser, wo überwiegend weibliches Personal arbeitete, auch auf der westlichen Seite des Areals zu finden. Die Werkstätten, das Heizhaus und der Fuhrpark waren hingegen auf der östlichen Seite, bei den Männern angesiedelt.

Nach Abschluss der zweiten Bauphase (1905 bis 1908) hatten die Beelitz Heilstätten eine Bettenkapazität für 1.200 Patienten. Auch die Wirtschaftsgebäude und Unterkünfte für Personal und Ärzte wurden dem gestiegenen Patientenaufkommen angepasst. Doch mit dem Routinebetrieb war es nur wenige Jahre später erstmal vorbei.

Die Beelitz Heilstätten in den Weltkriegen

Zu Beginn des 1. Weltkriegs übernahm das Militär das Zepter in den Beelitzer Heilstätten. Die nördlichen Lungenheilstätten waren fortan als Militärlungenheilstätten den Militärangehörigen vorbehalten. In den südlichen Sanatorien errichtete das Rote Kreuz ein Lazarett für die rückwärtige Versorgung der verwundeten Frontsoldaten. Mehr als 12.500 Soldaten wurden zwischen 1914 und 1919 in Beelitz versorgt.
Unter ihnen war vom 9. Oktober 1916 bis zum 4. Dezember 1916 auch der Gefreite Adolf Hitler nachdem dieser an der Westfront in Frankreich durch einen Granatsplitter verwundet worden ist.

Nach dem Krieg stiegen die zivilen Patientenzahlen in Beelitz Heilstätten rasch und es wurde bald wieder das Vorkriegsniveau erreicht. Dieser gute Neustart der Heilanstalten wurde jäh durch die Wirtschaftskrise und Inflation der Jahre 1923/1924 unterbrochen. Dies führte sogar dazu, dass die Lungenheilanstalten vorübergehend völlig geschlossen und die Sanatorien auf eine Belegung von maximal 400 Betten dezimiert werden mussten. Erst ab 1925 beruhigte sich die Situation und es konnten wieder die maximalen 1.200 Patienten versorgt werden. Zudem erfolgte jetzt die dritte Bauperiode (1926 bis 1930) in der der Neubau der Zentralwäscherei sowie des Chirurgie-Pavillions auf dem westlichen Gelände der Lungenheilstätte für Frauen errichtet worden sind.

Literaturempfehlungen*:

Auch während des 2. Weltkrieges dienten die Beelitzer Heilstätten wieder als Verwundetenlazarett für das Militär. Durch die Organistation Todt wurde auf dem Gelände der südlichen Sanatorien ein weiteres Barackenlazarett errichtet. Ebenso erfolgte im Jahr 1942, südlich des Frauensanatoriums, der Bau eines Ausweichkrankenhauses für das regelmäßig von Bombern heimgesuchte Potsdam.

Kurz vor Kriegsende spielte sich im nahegelegenen Halbe ein Drama ab. Obwohl die Front der 9. Armee bei Frankfurt/Oder und Cottbus zerschlagen worden ist, gestattete Hitler nicht den Rückzug dieser geschwächten Einheiten. Daraufhin wurden ca. 55.000 Wehrmachtssoldaten und einige tausend Zivilisten am 25. April 1945 in den Wäldern zwischen Märkisch Buchholz und Halbe von der Roten Armee eingekesselt. Bei einem letzten Ausbruchsversuch aus diesem Kessel verloren ca. 30.000 deutsche Soldaten, ca. 10.000 Zivilisten und ca. 22. 000 Sowjet-Soldaten ihr Leben. Etwa 25.000 deutsche Soldaten schafften es mit ca. 5000 Zivilisten bis nach Beelitz Heilstätten durchzubrechen. Dort traffen sie auf die 12. Armee von General Walther Wenck. Beelitz Heilstätten wurde komplett geräumt und die Einheiten zogen sich, zusammen mit Klinikpersonal und Patienten nach Westen zurück, wo sich die deutschen Soldaten in amerikanische Kriegsgefangenschaft begaben.

Nachkriegszeit und sowjetisches Militärhospital

Die zum Teil schwer beschädigten Gebäude wurden nach dem Krieg von der Roten Armee genutzt und wieder als medizinische Einrichtung aufgebaut und verwendet. Die Sowjets erkannten das Nutzungspotential der Beelitz Heilstätten und das gesamte Areal wurde zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Bis zum Abzug der sowjetischen Truppen in Deutschland im Jahr 1994, war in Beelitz das größte russische Militärhospital außerhalb der UdSSR betrieben worden.

Da es sich bei dieser militärischen Anlage um sowjetisches Hoheitsgebiet handelte, bot es auch für einen weiteren prominenten Deutschen ein Exil inmitten der brandenburgischen Wälder. Vom April 1990 bis März 1991 lebten Erich Honecker und seine Frau Margot unter dem Schutz der sowjetischen Streitkräfte auf dem Gelände der Beelitz Heilstätten. Gegen Erich Honecker lag ein Haftbefehl wegen des Verdachts vor, dass er den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze 1961 verfügt und 1974 bekräftigt habe. Allerdings hatten die deutschen Behörden keinen Zugriff auf Honecker und im März 1991 wurde er zusammen mit seiner Ehefrau Margot mit einem sowjetischen Militärflugzeug von Beelitz nach Moskau ausgeflogen.

Schaurige Verbrechen und Horror-Tourismus

Nur wenige Tage nach der Flucht der Honeckers geschah ein grausamer Doppelmord in Beelitz. Die Frau eines sowjetischen Chefarztes des Militärhospitals verließ das schwer bewachte Gelände und ging mit ihrem drei Monate alten Sohn im nahegelegenen Forst spazieren. Nur 500m von ihrem Wohnhaus entfernt traf sie auf den Serienmörder Wolfgang Schmidt, der in den damaligen Medien bereits als Rosa Riese bekannt war. Er tötete Mutter und Kind mit größter Gewalt und verging sich an der Leiche der Frau.

Aufgrund dieser Geschichte und der Tatsache, dass es sich bei dem abgelegenen Waldareal um ein Krankenhaus handelt in dem natürlich auch Patienten verstorben sind, regt der Ort die Fantasie seiner Besucher an. Von Spukgeschichten und Geistererscheinungen ist immer wieder die Rede. Spuktouristen durchstreiften die alten Gemäuer und kilometerweiten Kellergänge. Für den besonderen Nervenkitzel kamen einige Besucher sogar des Nachts auf das Gelände und berichteten von unheimlichen Temperaturstürzen im Hochsommer, wimmernden Geräuschen und Stimmen.

Bei den Spuktouristen ist es leider nicht geblieben. Recht bald nach dem Abzug der sowjetischen Truppen wurde das Gelände geplündert und Halbstarke gingen ihrer hemmungslosen Zerstörungswut nach. Nachdem es in der jüngeren Vergangenheit wiederholt zu Unfällen auf dem Gelände gekommen ist und der Vandalismus sowie der rücksichtslose Diebstahl von Buntmetall überhand nahmen, sahen sich die Besitzer gezwungen, das Areal komplett abzusperren.

Neues Nutzungskonzept für Beelitz Heilstätten

Aktuell ist ein ständiger Wachschutz vor Ort und die Polizei läuft ebenfalls regelmäßig Streife. Dies verwundert aber auch nicht wirklich, wenn mittlerweile sogar Bagger kurzgeschlossen um damit Gebäudesicherungen wegzureißen und anschließend die Baumaschine schwer beschädigt wird.

Der Bagger war einen Tag zuvor auf das Gelände gebracht worden um mit den Bauarbeiten für den Heilstätten-Park zu beginnen. In 25 Meter Höhe soll ein Pfad die Besucher direkt über alten Ruinen und teilsanierte Gebäudeteile führen. Bereits zum Juni 2015 soll ein erstes Teilstück eröffnet werden das die Besucher über die bewaldete Ruine der einstigen Frauenklinik führt. Geplant ist weiterhin die Ruine der Frauenklinik nach Sicherungsmaßnahmen wieder für Touristen zugänglich zu machen. Ebenso soll die Chirurgie wieder in den Zustand der Eröffnung vor mehr als 100 Jahren zurückversetzt werden und in der alten Wäscherei und dem Küchengebäude sind Restaurants geplant.

Trotz der hohen Investitionssummen soll laut dem Betreiber ein Großteil des Areals auch in Zukunft kostenlos zu betreten sein. Nur für einen schmalen Streifen an der Ruine der Frauenklinik und natürlich der Hochpfad werden dann kostenpflichtig sein.

Um sich das Gelände ganz offiziell und dazu noch mit sehr interessanten Hintergundinformationen anzuschauen, empfiehlt sich eine geführte Tour mit Frau Irene Krause (Voranmeldung unter Tel. 033204 / 61262 oder 0160 / 22 33 328). Für Cineasten hat sie vielleicht auch etwas über die zahlreichen Filmproduktionen in Beelitz Heilstätten zu berichten. Roman Polański drehte u.a. seinen Film Der Pianist hier und Tom Cruise spielte einige Szenen für den Kinohit Operation Walküre in den alten Krankenhausgemäuern.

Beelitz Heilstätten Anfahrt

* = Affiliatelink

Weiterführende Quellen

[1] Tuberkolose Wikipedia
[2] Heilstätten Beelitz
[3] Beelitz Heilstätten bei Wikipedia
[4] Morgenpost – Warum die Beelitzer Heilstätten Abenteuerlustige anziehen
[5] Der Kessel von Halbe bei Wikipedia
[6] Erich Honeckers Flucht nach Beelitz Heilstätten
[7] Berliner Zeitung – Der Beelitz Mörder
[8] Potsdamer Neueste Nachrichten – Pläne für die Beelitzer Heilstätten – Über den Ruinen schweben
[9] Potsdamer Neueste Nachrichten- Vandalismus in den Beelitzer Heilstätten

Patrick
Ich berichte hier in unregelmäßigen Abständen über vergessene Orte im wunderschönen Brandenburg. Kommentare, Feedback und Anregungen freuen mich immer.
  • Patrick

    Hallo Eike,

    vielen Dank für Deine Empfehlung für meinen Beelitz-Heilstätten Beitrag und viel Erfolg bei Deinem aktuellen Wochenprojekt zum Thema Gläsern in Verbindung mit diesem faszinierenden Ort 🙂

    Viele Grüße,
    Patrick

    Juli 8th, 2015 13:14
    Reply
    01

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